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Matthäus Enzlin (16.5.1556 - 22.11.1613)

Acht schlug die Turmuhr der Amanduskirche

Die Hinrichtung von Matthäus Enzlin auf dem Uracher Marktplatz jährt sich heute zum 400. Mal. Auch der frühere Dettinger Pfarrer Wilhelm Zimmermann hat darüber einst geschrieben.

1613

Die Hinrichtung von Matthäus Enzlin am 22. November 1613 auf dem Uracher Marktplatz.
Zeichnung: A. Federer in Wilhelm Zimmermanns Erzählung über Jakob von Gültlingen

"Die kalten Novemberwinde sausten um die Burgfeste Hohenurach." So steht es in Wilhelm Zimmermanns Erzählung "Kabinets-Justiz oder Jakob von Gültlingen", erstmals erschienen 1854 in Band 2 der Reihe "Württemberg wie es war und ist".

Der frühere Dettinger Pfarrer und Historiker schilderte aus Archivquellen die "Kabinets-Justiz" Herzog Friedrichs I. von Württemberg (und seines Kanzlers Matthäus Enzlin) in Bezug auf die Enthauptung ohne Urteil und Rechtsspruch des Schorndorfer Obervogtes Jakob von Gültlingen wegen eines an Konrad von Degenfeld "aus Unvorsichtigkeit" begangenen Mordes, geschehen im Oktober 1600 im Haus des Geradstettener Schultheißen.

Da in den letzten Aufzeichnungen Gültlingens neben Degenfeld auch der Name Züllenhart erwähnt wird, liegt wohl auch eine Beziehung vor zu den damaligen Eigentümern des Dettinger Schlössles oder zu deren Verwandten.

Nach dem Tod Herzog Friedrichs 1608 (1599 gründete Friedrich die Uracher Weberbleiche) wurde dessen 1556 als Enkel des Reutlinger Reformators Matthäus Alber geborener Kanzler Matthäus Enzlin (zeitweiliger Tübinger Universitätsprofessor und Rektor) gestürzt und verhaftet. Er war laut Zimmermanns "Geschichte Württembergs" von 1838 zwar "ein feiner Kopf", jedoch aber auch "arglistig, in allen Praktiken und Schikanen des römischen Rechts unübertroffen, geschmeidig wie ein Aal." Zimmermanns historisches Urteil: "Der Umstürzer der Landesversammlung war zugleich der niedrigsten Verbrechen, des Betrugs, der Unterschlagung, der Erpressung und der Urkundenfälschung angeklagt."

Hohenurach/Stadt Urach, am 22. November vor 400 Jahren: "Es war frühmorgens, da erschien eine Schar von 100 Bewaffneten vor dem Festungstor. Die übernahm den Gefangenen und führte ihn in die Stadt hinab auf das Rathaus." Zimmermann zeichnet detailliert das Ende des Ex-Kanzlers und Ex-Rektors nach: "In Gegenwart der Blutrichter und des Stadtgerichts wurde ihm sein Urteil vorgelesen. Es lautete auf Tod durch das Schwert. Einige Richter hatten noch dazu gestimmt, es solle ihm die rechte Hand abgehauen und der Kopf auf einen Pfahl gesteckt werden. Der neue Herzog, der Sohn Friedrichs, hatte ihm zum einfachen Schwert begnadigt. Er wurde vom Rathaus auf den Marktplatz herabgeführt, da sah er einen Stuhl und im roten Mäntelchen den Scharfrichter von Tübingen daneben. Der verurteilte Kanzler legte Pelzrock und Wams ab, setzte sich auf den Stuhl und schob seine Sammetmütze vor die Augen. Acht schlug die Turmuhr der Amanduskirche, als sein schuldiges Haupt fiel. Vier Männer von den Hausarmen legten seinen Leichnam in den Sarg und trugen ihn auf den Kirchhof. Da begruben sie ihn auf dem Armensünderplätzchen, das für Missetäter und Selbstmörder abgesondert war."

Die 60-seitige Erzählung von Wilhelm Zimmermann aus der Reihe "Württemberg wie es war und ist" (um 1890 neu von Carl Weitbrecht mit Illustrationen von A. Federer herausgegeben) wird vom Dr. Wilhelm und Louise Zimmermann Geschichtsverein in Form eines Sonderdrucks vorgestellt im Rahmen der Sonntagsmatinee am 1. Dezember, 11 Uhr, in der Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte im Johann Ludwig Fricker-Haus, Milchgasse 6 in Dettingen.

Erschreckendes Ende eines ehrgeizigen Erfolgsmenschen

Stuttgarter Zeitung 19.11.2013 - Unser Kolumnist Gerhard Raff erinnert heute an den vor 400 Jahren hingerichteten Geheimen Rat Matthäus Enzlin.

Enzlin

Matthäus Enzlin, einst geschätzter Jurist, endete unter dem Richtschwert. Foto: Archiv

So etwas kommt in den besten Familien vor. Und Matthäus Enzlin war ein altwirtembergisches Honoratiorenbüble wie aus dem Bilderbuch: Sein Vater, der Kirchenratsdirektor Johann Enzlin (um 1530-1601) hatte Maria (1528-1591), die Tochter vom „Luther Schwabens", von Melanchthons Freund Matthäus Alber (1495-1570), geheiratet, und die hatte am 16. Mai 1556 in Stuttgart den intelligenten Delinquenten zur Welt gebracht. Und, kein Wunder bei dem Hirn und der Verwandtschaft, mit 21 Jahren hat der in Tübingen schon seinen „Doktor beider Rechte" in der Tasche. Und gerade frisch Professor geworden, heiratet er im Jahr 1581 die Tochter Sabina seines Hochschullehrers Nikolaus Varnbüler (1519-1604), und der 1590 bei seiner Flucht von Hohenurach ums Leben gekommene Dichter Nicodemus Frischlin verfasst zur Feier des Tages ein langes lateinisches Hochzeitsgedicht. Sieben Kinder werden dieser Ehe geschenkt, von ihnen stammt heute schier gar fast halb Württemberg ab, und die berühmteste Nachfahrin im Mannesstamm ist sicherlich die vormals so blitzgescheite, später aber leider so strohdumm gewordene Studentin Gudrun Ensslin, zuletzt wohnhaft in Stammheim, seit Herbst 1977 in Degerloch, Dornhaldenfriedhof, dank Manfred Rommel seligen Angedenkens.

Der Herr Dr. iur. utr. Matthäus Enzlin verdient sein erstes Geld am Reichskammergericht in Speyer. Dann holt der pfälzische Landesvater Ludwig VI. den gerade einmal 25 Jahre alten Schwaben als Professor an seine altehrwürdige Heidelberger Universität. Nach dem Tod seines kurfürstlichen Gönners kommt er 1585 wieder heim und kriegt jetzt einen Lehrstuhl in Tübingen, und bald darauf ist er schon der Rektor der jungehrwürdigen Universität.

Seinerzeit regiert in Württemberg der hochgelehrte, gutmütige, aber halt so arg versoffene Herzog Ludwig mit seinem Spezel Melchior Jäger, alias „Herzog Melchior". Drunten in Montbéliard aber hockt schon der Graf Friedrich in den Startlöchern und scharrt mit den Hufen, und wie anno 1593 sein Stuttgarter Neffe dem Suff erlegen war, kommt der Mömpelgarder als Herzog Friedrich I. ans Regiment und verjagt den Jäger und macht seinen Freund Enzlin zum „Geheimen Rat" und regiert mit ihm des Herzogtum für fast fünfzehn Jahre. In jenen goldenen Zeiten des langen Friedens und großen Wohlstands vor dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg.

Und der „versierte, ehrgeizige Jurist" schafft es anno 1599 mit Hilfe seines Hirns und von 400 000 Gulden, dass das Haus Habsburg die „österreichische Afterlehenschaft" über Württemberg vom Jahr 1534 aufhebt. Sonst hätten wir nämlich Österreicher werden müssen, wenn unser Herzogshaus je einmal ausgestorben (worden) wäre. Und er sorgt dafür, dass das Ländle wächst, und sie kaufen den von Schulden geplagten Badenern ihr Sach ab, am Neckar das Besigheim und Mundelsheim, im Schwarzwald das Altensteig und Liebenzell. Und holen sich die Pfandschaft über das Straßburger Amt Oberkirch im Renchtal und planen eine Landbrücke von Altwirtemberg über die elsässischen Besitzungen um Reichenweiher bis in die Burgundische Pforte nach Montbeliard und errichten mit dem „schwäbischen Leonardo" Heinrich Schickhardt Freudenstadt als neue Hauptstadt des künftigen „Großherzog-thums Wirtemberg-Mömpelgard".

Jetzt dürfen hierzulande aber seit dem berühmten „Tübinger Vertrag" - dem „Landesgrundgesetz von 1514" - die Landstände ganz schön mitreden und mitbestimmen. Und das passt dem „frühabsolutistischen Renaissancefürsten Friedrich" natürlich überhaupt nicht, und der „Herzogsknecht" und „Landschaftsfeind" Enzlin muss nun gegen seine eigene Verwandtschaft, die „Ehrbarkeit", kämpfen und soll des „alte, gute Recht" wieder abschaffen. Und der raffinierte Rechtsverdreher liefert seinem Herzog untertänigst „die juristische Verbrämung zur Zertrümmerung der verfassungsrechtlichen Basis der Stände".

Zum Glück aber stirbt der Friedrich vorher „überraschend", und sein Sohn und Nachfolger, der Herzog Johann Friedrich, der schirrt und schafft jetzt wieder mit den : Landständen zusammen. Und der verhasste und habgierige Enzlin („der nebenbei sein Vermögen verfünffacht hatte") wird eingesperrt und „wg. Unterschlagung, Amtsmißbrauchs, Diebstahls und Erpressung" vor Gericht gestellt. Und nur sein Schuldbekenntnis und seine „kniefällig geleistete Urfehde" ersparen ihm den Galgen, und er kriegt lebenslänglich auf dem Hohenneuffen, später zur Haftverschärfung wird er auf die Burg Hohenurach verlegt.

Weil er aber von seiner Zelle aus intrigiert hat und konspiriert und immer wieder mit Hilfe seiner Kinder und Verwandten zu fliehen versucht und auch mit dem Verrat von Staatsgeheimnissen droht, hat ihn das Tübinger Hofgericht in einem erneuten Prozess „wg. Hochverrats" zum Tode verurteilt. Und am 22. November 1613 ist er auf dem Marktplatz von Urach durch den Scharfrichter um seinen gescheiten Kopf kürzer gemacht worden. Und das hatte eine solche nachhaltig abschreckende Wirkung, dass nachmals so mancher höhere Funktionsträger unseres Landes so schlau war und vorsichtshalber dumm geblieben ist.

Aufstieg und Fall des Matthäus EnzlinEnzlin(1556-1613)

Quelle: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=21338

Als Sohn eines Kirchenratsdirektors der württembergischen Ehrbarkeit entstammend, nutzte Matthäus Enzlin die ihm gebotenen Möglichkeiten zunächst zu einem Jurastudium in Tübingen. Dort 1576 promoviert, schlug er zunächst eine juristische Laufbahn ein, die ihn für kurze Zeit an das Reichskammergericht nach Speyer sowie im Anschluss auf juristische Lehrstühle an die Universitäten Heidelberg und Tübingen führte. Schon vor dessen Regierungsübernahme im Jahr 1593 war Enzlin zudem als juristischer Berater Herzog Friedrichs von Württemberg tätig, in dessen Dienste er in der Folge übertrat und rasch zum wichtigsten Rat des Herzogs aufstieg. In den folgenden Jahren ließ sich Enzlin daher auch in die oft undurchsichtigen Finanzgeschäfte des Landesherrn verwickeln, welche dazu dienten, Friedrich von der Mitbestimmung der Landstände zu emanzipieren und diese zurückzudrängen. 1599 maßgeblich an der Aushandlung des Prager Vertrags beteiligt, machte sich Enzlin als Instrument der Politik Herzog Friedrichs rasch zahlreiche Feinde und wurde nach dem Tod des Herzogs umgehend der Sündenbock für dessen oft autokratische, gegen den Einfluss der Landstände gerichtete Politik.

Bereits 1608 erfolgte die dauerhafte Inhaftierung Enzlins auf den Festungen Neuffen und Urach, da er als Geheimnisträger des verstorbenen Herzogs als Gefahr für dessen Nachfolger Johann Friedrich und die ehemals dominierende und nun wiedererstarkte Hofpartei der Regierungszeit Herzog Ludwigs empfunden wurde. Daher trug auch schon der erste, im Jahr 1608 vor dem Stuttgarter Stadtgericht begonnene Prozess gegen Matthäus Enzlin eindeutig politische Züge, auch wenn die Anklage in erster Linie die finanziellen Transaktionen des Rats zum Gegenstand hatte. Die politische Dimension zeigte sich spätestens darin, dass Enzlin auch nach einem Geständnis und der Unterzeichnung einer Urfehde inhaftiert blieb. Ein Fluchtversuch des in Ungnade gefallenen Juristen scheiterte und auch die Anrufung des Reichskammergerichts durch die Familie Enzlin blieb erfolglos. Stattdessen ließ Herzog Johann Friedrich vor einem aus herzoglichen Amtsträgern bestehenden Sondertribunal einen zweiten Prozess anstrengen. Erneut stand der Vorwurf finanzieller Unregelmäßigkeiten im Vordergrund, darüber hinaus wurden dem Angeklagten aber auch hochverräterische Bestrebungen angelastet. Alle juristischen Bemühungen Enzlins zu seiner Verteidigung blieben fruchtlos, der Prozess endete mit dem Todesurteil. Am 22. November 1613 erfolgte die Vollstreckung des Urteils, Matthäus Enzlin wurde auf dem Uracher Marktplatz öffentlich geköpft.

EnzlinTrotz der Vielzahl der Vorwürfe gegen Enzlin ist festzuhalten, dass diese zumindest teilweise als unbegründet gelten müssen. Vor diesem Hintergrund handelte es sich eindeutig um einen vorrangig politisch motivierten Prozess. Beim zweiten Verfahren wurde dies sogar noch deutlicher, da dem Angeklagten etwa die Einlegung von Rechtsmitteln verweigert wurde. Die über das Herzogtum Württemberg hinausweisende politische Bedeutung des Falls Matthäus Enzlin zeigte sich noch nach der Hinrichtung des Rats. Im Jahr 1638 befahl Kaiser Ferdinand III. der habsburgischen Regierung in Stuttgart, die Prozessakten herauszusuchen und der Tiroler Nebenlinie in Innsbruck auszufolgen. Hintergrund waren gegenüber Enzlin erhobene Vorwürfe, er habe die Herrschaft Achalm in hochverräterischer Weise an das Erzherzogtum Österreich geben wollen. Zumindest eine Teilabschrift einschlägiger Akten wurde auch erstellt. Mit der Auswertung der Prozessakten verfolgte Innsbruck 1638 (am Ende vergeblich) das Ziel, aus den Unterlagen eine juristische Begründung zur langfristigen Behauptung der zwischen 1634 und 1648 habsburgisch verwalteten Herrschaft Achalm zu erlangen.

Geschichten von Gerhard Raff
Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg 22/2006 - Seite 36

Enzlins erschreckendes Ende