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Die Gartenstadt Luginsland:
Im einstigen Paradies der Schlosser, Dreher und Monteure

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 23.12.2002

Im einstigen Paradies der Schlosser, Dreher und Monteure

Stille Orte in der Region Stuttgart (1): die Gartenstadt Luginsland besticht durch ihre Aussichten und durch ihre Grünflächen

Es gibt Städte, die dauernd Schlagzeilen machen: Berlin, Stuttgart oder Esslingen. Und es gibt Orte, die fast nie erwähnt werden. "Stille Örtchen" wäre ein missverständliches Prädikat, "Plätze im medialen Windschatten" ein besseres. Dorthin führt unsere Serie.
Heute: Luginsland.

Von Erik Raidt

Gleich muss sie kommen, die bessere Welt. Die Gartenstadt Luginsland. Lug ins Land, also ins Land hineinschauen - wie mag der Stuttgarter Stadtteil im Norden von Untertürkheim beschaffen sein, dass er eine solche Bezeichnung rechtfertigt? Luginsland, das klingt nach Lummerland, und wir denken an Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, und an den Kaufmannsladen von Frau Waas und daran, dass die Lok Emma schnaubend um die Ecke fährt, dabei hat Luginsland nie eine Bahnstation besessen.
Luginsland
Ein Blick vom Rotenberg herab auf den Stadtteil Luginsland: Eingebettet zwischen Reben
liegt die Gartenstadt, die 1911 von Daimler-Mitarbeitern gegründet wurde
.
Fotos Achim Zweygarth


Gleich nach dem Ortsschild zweigt die Barbarossastraße nach rechts ab und führt hinein in den Stadtteil. Und wer die übernächste Straße, Im Weingarten, bergauf wandert, der erreicht den Salon Inge: Herren, modischer Haarschnitt 16,50 bis 18 Euro; Damen, waschen und legen 15,50 bis 19 Euro. Herinnen wartet Cornelia Martini auf Kundschaft, seit zwanzig Jahren wickelt sie den Damen die Locken und lässt sich dabei in Gespräche verwickeln.

"Die Luginsländer sind etwas ganz Besonderes", behauptet sie und liefert die Begründung gleich mit: "Die Leute sind sehr offen und passen aufeinander auf, das ist hier noch nicht so anonym." Im Salon Inge ist ein Haarschnitt noch ein Haarschnitt und kein aufgeplustertes Wellnessangebot. Vor den Spiegeln stehen rustikale Lederstühle, an der Wand hängt eine Tafel, an der antike Lockenwickler und Scheren befestigt sind. Der Salon gleicht dem Stadtteil: gepflegt und bodenständig, ohne aufgesetzten Chic.

Wieder jüngere Leute im Viertel

In den vergangenen Jahrzehnten hat Cornelia Martini nicht nur erlebt, wie sich einst fülliges Haupthaar mancher Träger im Laufe der Zeit lichtete, sie hat auch den Wandel des Stadtteils gesehen. "Mittlerweile kommen wieder jüngere Kunden, früher war das Viertel ziemlich überaltert." Draußen in den Vorgärten stapeln sich die Kinderspielsachen, zwischen den verblichenen Fassaden mancher Häuser leuchtet frisches Weiß und Gelb. "Viele der Alten, die seit langem in Luginsland wohnen, sind ins Heim gegangen oder gestorben", erzählt die Friseurin. Nun ziehen vermehrt junge Familien nach Luginsland, die Verkehrsanbindung an die Stadt ist günstig, und die Mieten sind noch bezahlbar.

Hahn GartenstadtkircheLuginsland wurde 1911 von neun Männern gegründet. Monteure, Schlosser, Dreher und Werkzeugmacher der Daimler-Motorengesellschaft legten das Fundament für die Gartenstadt "Eigenes Heim". Das Daimler-Werk in Untertürkheim war so stark gewachsen, dass die Wohnungen für die vielen neuen Arbeiter knapp wurden. Also entschlossen sie sich zur Selbsthilfe und gründeten eine Genossenschaft. Sie formulierten folgendes Ziel: "Durch den Bau von Einfamilienhäusern mit zugehörigem Obst- und Gemüsegarten" sollen die Mitglieder "gesunde und billige Wohnungen" bekommen.

In einem dieser schnörkellosen Einfamilienhäuser unweit des Friseursalons Inge lupft eine Bewohnerin mit dem Besen Laub aus der Wiese. Seit 1932 lebe sie in dem Haus. "Ja freilich", ihr Mann habe früher auch beim Daimler "gschafft", sie arbeitete bei einem Rechtsanwaltsbüro in der Stadt, damals musste sie noch jeden Tag zu Fuß von Luginsland runter nach Untertürkheim laufen. Es gab noch keinen Bus, heute sei das viel bequemer, erzählt sie, während sie mit der Arbeit fortfährt. "Dafür gab es früher droben noch einen Metzger." Es ist das Einzige, das sie am Leben in Luginsland stört: Es gibt kein Einkaufszentrum vor Ort. Das ist das Thema Nummer eins in Luginsland, hieß es zuvor auch im Friseursalon Inge - gerade älteren Bewohnern mache das zu schaffen. Aber sonst können sie zufrieden sein in Luginsland - bei den Aussichten. Immer neue Ausblicke öffnen sich, je nachdem, wohin sich der Spaziergänger treiben lässt.
Der Wetterhahn thront über der Gartenstdtkirche.
Die Gemeinde ist in einen Neubau gezogen.

Verstreute Kleingartenkolonien

Da ragt der Gaskessel aus dem Dunst der Stadt empor, dort blitzt das Dach des Daimlerstadions zwischen den Zweigen knorriger Apfelbäume hervor. Davon gibt es viele in den verstreuten Kleingartenkolonien der Gartenstadt. Süßlicher Rauch von verbrannten Gartenabfällen zieht durch die Straßen, vor garagenbewehrten Mehrfamilienhäusern schieben Mütter ihre Kinderwagen.

Luginsland: umschlossen von Weinbergen, überragt von der Grabkapelle Rotenberg, geprägt vom Charme der Arbeitersiedlung mit den gesunden und billigen Wohnungen. Eine Gartenstadt, auch wenn mancher Vorgarten gerade drei Handtuchbreiten groß ist und von fünf Stiefmütterchen geschmückt wird. Und so schnell ist man mittlerweile am Bahnhof in Untertürkheim, mit einem Bus der Linie 60: in fünf Minuten. Auch ohne eine Bahnstation und eine Lok namens Emma.

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