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Sternstunde für aufstrebenden Wengerterort
Untertürkheim: Vor genau hundert Jahren wurde das Daimler-Motorenwerk Untertürkheim in Betrieb genommen

Heute vor hundert Jahren weihte die Daimler Motoren-Gesellschaft ihr neues Werk in Untertürkheim ein. Eine Sternstunde für den aufstrebenden Wengerterort. Der Name des Weltkonzerns ist seitdem eng verbunden mit Untertürkheim.

Daimler Villa
Viila Daimlers am Kurpark in Cannstatt um 1890 (im 2. Weltkreig zerstört)

VON MATHIAS KUHN
Dabei beginnt der Aufschwung des Motorenbauers Gottlieb Daimler eigentlich in Cannstatt. Im umgebauten Gartenhaus der Daimler'schen Villa, heute eine Gedächtnisstätte, konstruiert der Schorndorfer mit seinem kongenialen Partner Wilhelm Maybach den ersten schnelllaufenden Benzinmotor, der so kompakt ist, dass sie ihn in Fahrzeuge einbauen können. Die beiden verlegen ihre Fabrikation zunächst auf den Seelberg, doch um die Jahrhundertwende stößt die neu gegründete Daimler Motoren-Gesellschaft an ihre räumlichen Grenzen. Eine Vergrößerung ist unausweichlich. Daimler und Maybach schauen sich nach Standorten in der Umgebung um. Grundstücke in Schorndorf, Fellbach, Wangen und Untertürkheim kamen in die engere Wahl.

UT 1903
Das neue DMG-Werk Untertürkheim 1903

Brand zerstört Fabrikhalle

Das Verhandlungsgeschick des Untertürkheimer Schultes Eduard Fiechtner gab den Ausschlag. Mehrfach, so berichtete Fiechtners Enkel, sei sein Großvater nach Cannstatt gelaufen und habe mit Daimler und Maybach gesprochen. Dabei hätten das Finanzgenie Fiechtner und der Autopionier Daimler offensichtlich einen Draht zueinander gefunden. Fiechtner garantiert Daimler einen Eisenbahnanschluss und den modernen Strom aus dem neu gebauten Elektrizitätswerks. Am 15. August 1900 unterzeichneten Vertreter der Gemeinde und des Autounternehmens den Vertrag über 185 000 Quadratmeter Baugebiet im Gewann Kies.

Daimler erlebte die historische Stunde leider nicht mehr. Er war im März 1900 gestorben. Als erstes nahm Regierungsbaumeister Mayer die große moderne Schmiede in Angriff. „Eine solche ist in Württemberg noch nicht vorhanden, überhaupt sind dieselben in Deutschland noch selten", heißt es in den Planungen der Geschäftsleitung. Noch heute wird in dem herrlichen Jugendstil-Gebäude produziert.


Heute vor hundert Jahren eröffnete die Daimler-Motoren-Gesellschaft das Werk in Untertürkheim. Die Allgemeine Automobilzeitung pries die „Erzeugungsstätten" wie die moderne Lackiererei als „die Automobilfabrik der Automobilfabriken" an. Foto: DaimlerChrysler

Wegen der günstigen Auftragslage beschleunigten die Daimler-Vorstände das Neubauvorhaben. 1905 sollten die Untertürkheimer Werkstätten fertiggestellt sein. Doch ein verheerendes Ereignis durchkreuzte die Pläne: In der Nacht zum 10. Juni 1903 brach in der Cannstatter Fabrik ein Feuer aus, das die Hallen bis auf die Grundmauern zerstörte. Notgedrungen wurden ab Dezember 1903 die ersten Anlagen in Untertürkheim in Betrieb genommen.

Untertürkheim 1904
Zeichnung der Daimler-Motoren-Gesellschaft 1904 in Untertürkheim, vorne mittig die Schmiede Quelle: DaimlerChrysler

Am 26. Mai 1904, heute vor 100 Jahren, zieht die Verwaltung um. Untertürkheim wird auch rechtlich als Firmensitz ins Handelsregister eingetragen. „Die Marke mit glorreicher Tradition hat endlich eine ihr würdige Erzeugungsstätte gefunden", schrieb die Allgemeine Automobilzeitung damals.
2200 Mitarbeiter fanden 1904 dort Beschäftigung. Im Laufe des Jahrhunderts zieht es auch viele Söhne aus Untertürkheim „zom Daimler". Die Partnerschaft steht unter einem hervorragenden Stern. Die Entwicklung des Wengerterortes zum modernen Industrie- und Handwerksstandort ist eng mit dem Erfolg des Nachbarn verbunden. Dank der wachsenden Zahl der Daimler-Mitarbeiter vergrößert sich Untertürkheim. Die Wohngebiete Wallmer und Luginsland kommen hinzu, Handwerker profitieren von Aufträgen „beim Daimler".

Daimlerwerk uNtertürkheim 1911
Daimler-Motoren-Werk Untertürkheim um 1911

In den Zwanziger Jahren werden Schmiede, Gießerei und Pkw-Produktion in Untertürkheim zusammengefasst. 1943/44 zerstören Bomben große Teile des Werks. Ein paar Mitarbeiter bauen mit den Untertürkheimern das Mercedes-Werk erneut auf. Die Produktion läuft 1946 wieder an. 1955 wird die bislang das Werk trennende Mercedesstraße für den öffentlichen Straßenverkehr geschlossen und ins Werksgelände einbezogen. Untertürkheim erhält seine bis heute herausragende Position in der Motoren-, Getriebe- und Achsenfertigung. „Das Herzstück des Konzerns", wie die 30 000 heute dort Beschäftigten betonen.

Untertürkheimer Zeitung vom 26.5.2004

Auszug aus http://web.archive.org/web/20050428111420/http://www.seelberg.de/mobil/luft/

Der Seelberg in Cannstatt - die Wiege der Mobilität

Der Beginn der motorisierten Luftschifffahrt auf dem Seelberg

Gottlieb Daimler richtete 1887 eine erweiterte Versuchswerkstatt auf dem Seelberg ein. Am 5. Juli kaufte er für 30.200 Mark die ehemalige Vernicklungsanstalt Zeitler & Missel in der Ludwigstraße 67, heute Kreuznacherstraße.

Das Gelände umfasste 2903 Quadratmeter. Daimler, der den faszinierenden Visionär und tatkräftigen Unternehmer in einer Person vereinigte, nahm gleichzeitig die industrielle Fabrikation seiner Motoren und Fahrzeuge mit 23 handverlesenen Arbeitern auf. („Das Beste oder nichts.")


Schon im Jahre 1890 wuchs sich das Unternehmen zur Daimler Motoren Gesellschaft (DMG) aus. Und erst nach einem Großbrand im Jahre 1903 wurde das Betriebsgelände nach Untertürkheim verlagert. ...

Unser Bild zeigt eine Aufnahme aus dem Jahre 1904, also nach dem vernichtenden Brand, der nur noch die Grundmauern übriggelassen hatte.

Seelberg 1903
Ein Großbrand in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1903 vernichtet die Montagehalle der DMG in Cannstatt

Stuttgarter Zeitung, 21.06.2004

Die Automobilfabrik der Automobilfabriken

Der 1890 gegründeten Daimler-Motoren-Gesellschaft - kurz DMG - wird es schon Mitte des Jahrzehnts in der ersten Produktionsstätte auf dem Seelberg in Cannstatt zu eng. Das Geschäft mit Bootsmotoren und Personenwagen floriert. Erweiterungsmöglichkeiten der Baulichkeiten gibt es nicht, und so wird konkret von 1899 an nach einem geeigneten Terrain gesucht: groß genug, eine möglichst kostengünstige Fertigung aufzuziehen und genügend Fläche für künftige Erweiterungen.

Das am besten geeignete Gelände findet sich schließlich in Untertürkheim, günstig gelegen zwischen dem Neckar und der Bahnstrecke Stuttgart-Ulm. Cannstatt und Stuttgart liegen zudem fast vor der Haustür. Zumal die Gemeinde Untertürkheim die DMG mit günstigen Grundstückspreisen, dem Bau eines Anschlussgleises zum nahen Bahnhof und der Anlage einer Fabrikstraße lockt. Der Kauf der 185 000 Quadratmeter ist im Februar 1901 perfekt. Die Bauarbeiten beginnen zügig, denn die neue Fabrik soll schon 1905 bezogen werden.

Als erstes Gebäude entsteht die dringend benötigte große Schmiede, die samt dem markanten Bürogebäude mit der zur Fabrikstraße weisenden Front - der späteren Mercedesstraße - noch heute besteht. Ein Großbrand in Cannstatt in der Nacht zum 10. Juni 1903 vernichtet die Montagehalle und rund einhundert Mercedeswagen - ein gutes Viertel der Jahresproduktion. Eine Katastrophe, die alle Pläne über den Haufen wirft.

Alle Arbeiter bleiben in Lohn und Brot; benachbarte Unternehmen helfen großzügig mit Werkstätten, Werkzeug und Maschinen. Die DMG führt Doppelschichten ein, und so kann trotz der sehr provisorischen Arbeitsbedingungen bereits am 8. August der erste Mercedes wieder die Fabrik verlassen. Die Bauarbeiten laufen unterdessen fast Tag und Nacht, sodass die ersten Anlagen schon im Dezember 1903 in Betrieb gehen.Schmiede 1904

1904 wird die Produktion in den neuen Gebäuden erweitert. Die DMG beschäftigt im September in Cannstatt und Untertürkheim zusammen bereits 2200 Mitarbeiter; im Frühjahr 1903 waren es in Cannstatt noch 821. Eine Arbeiterunterstützungskasse - sie besteht bei der DMG bereits seit 1900 - bietet eine erste soziale Absicherung der Beschäftigten.

Was als Katastrophe beginnt, mündet 1905 in eine hochmoderne Fabrik mit dem Produktionsfluss unter einem Dach, mit eigenem Wasser- und Elektrizitätswerk, mit Speisesälen für Arbeiter und Angestellte, die noch "Beamte" heißen. Jenseits der Fabrikstraße entsteht 1905 eine Reparaturabteilung, die bis heute an gleicher Stelle zu finden ist.

Die letzte Maschine verlässt Anfang 1905 auf einem geschmückten Wagen das Werk der Daimler-Motoren-Gesellschaft auf dem Seelberg in Cannstatt.

100 Jahre Daimler-Benz - Band 2: Das Unternehmen - Daimler-Benz Edition - 1986 - Seite 45

1901 war der Kauf perfekt: Für die insgesamt 185.000 Quadratmeter wurden 350.000 Mark bezahlt. Mit dem Bau einer Schmiede wurde schon bald auf dem neuen Areal begonnen, die Übersiedlung von Cannstatt für 1905 in Aussicht genommen.

Daß die Daim1er-Motoren-Gesellschaft ihren Gründungsort verließ, lag gewiß in erster Linie an den mangelnden Ausdehnungsmöglichkeiten auf dem Seelberg. Aber auch die Beziehungen zwischen Werk und Stadt waren nicht gerade herzlich. Zwischen Gottlieb Daimler - so bekundete später sein Sohn Paul - und dem Oberbürgermeister Cannstatts hatte es Differenzen gegeben, und dieser zeigte sich denn auch nicht geneigt, etwas für das Verbleiben der Aktiengesellschaft in Cannstatt zu tun.

Im Frühjahr 1901 wurde der Kaufvertrag über ein "Bauterrain" auf Markung Untertürkheim, der bereits 1900 zwischen der Daimler-Motoren-Gesellschaft und der Gemeinde Untertürkheim abgeschlossen wurde, nach dem Eingang der Genehmigung der Regierung aufgelassen.

PIONIERE DER ZEIT

Aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des DaimlerChrysler Werks Untertürkheim startet die Untertürkheimer Zeitung die zehnteilige Serie „Pioniere der Zeit". Festgemacht an den Tüftlern und Erfindern im Hause DaimlerChrysler lassen wir hundert Jahre Geschichte des Motorenwerks Revue passieren.

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